Medikamente

Wie jedes andere Kind brauchen auch Kinder mit einer Ernährungssonde manchmal Medikamente – manche vielleicht eher selten, andere wiederum auf regelmäßiger Basis, z.B. aufgrund einer vorliegenden Erkrankung oder einer sonstigen geistigen oder körperlichen gesundheitlichen Beeinträchtigung. Die richtige Verabreichung von Medikamenten über eine Sonde kann manchmal ein schwieriges Thema sein, da viele Arzneiformen nicht zur Sondierung geeignet sind und es bei einer fehlerhaften Vorgehensweise zu einer Fehldosierung und damit unerwünschten Nebenwirkungen oder auch zu einer Verstopfung der Sonde kommen kann.

 

Wenn ein Kind in der Lage ist, zu schlucken, sollten Sie auf jeden Fall die Medikamente so verabreichen. Falls dies nicht möglich ist, was sehr häufig vorkommt, müssen die Medikamente über die Sonde verabreicht werden (siehe Abb. 9-1). Dabei stellt sich natürlich die Frage: Wie funktioniert das, ob und welche Medikamente zerkleinert werden dürfen oder ob flüssige Alternativen zur Verfügung stehen.

Die richtige Verabreichung von Medikamenten über eine Sonde kann manchmal ein schwieriges Thema sein, da viele Arzneiformen nicht zur Sondierung geeignet sind und es bei einer fehlerhaften Vorgehensweise zu einer Fehldosierung und damit unerwünschten Nebenwirkungen oder auch zu einer Verstopfung der Sonde kommen kann.

Generell geeignet für die Gabe über eine Ernährungssonde sind hauptsächlich Medikamente in flüssiger Form (Tropfen, Säfte oder Brausetabletten, Parenteralia), Granulate (die sich in Wasser auflösen lassen) sowie Medikamente in fester Form (Tabletten, Dragees), die mit einem Mörser sondengerecht zerkleinert werden können und dürfen (siehe Abb. 9-2). 

Weniger geeignet sind hingegen Tabletten mit einer Retardformel, bei denen der Wirkstoff nach und nach freigesetzt wird, da das Zermörsern eben diesen Mechanismus zerstört: Zu viel von dem Wirkstoff würde auf einmal ins Blut gelangen und wiederum zu schnell wieder vom Körper ausgeschieden werden.

 

Auch Weichgelatinekapseln (Softgelkapseln) erweisen sich als wenig geeignet, da man den flüssigen Kapselinhalt zwar theoretisch mit einer Spritze aus der Kapsel abziehen könnte, dies aber niemals hundertprozentig gelingt und die Dosierung daher nicht zuverlässig ist (siehe Abb. 9-3).

Auflösbare Granulate mit Retardwirkung eignen sich nicht zur Gabe über eine Ernährungssonde, da die einzelnen Pellets meistens zu groß sind um durch die Sonde zu passen. Dazu kommt noch, dass die Granulate oft Stoffe beinhalten, die bei Kontakt mit Wasser sofort aufquellen und somit das Sondieren effektiv verhindern.

 

Medikamente mit säurelabilen Wirkstoffen dürfen für die Gabe in gastraler Lage nicht zermörsert werden, da deren Wirkstoffe durch die vorhandene Säure im Magen (Ph 1–1,5) neutralisiert werden. Säurelabile Arzneistoffe werden mit einer magensaftresistenten Schicht überzogen, sodass die Tablette ohne Zersetzung durch Magensäuren in den Dünndarm wandern kann, wo sie sich im dort vorherrschenden alkalischen Milieu (Ph 7–8) auflöst und ihren Wirkstoff freisetzt. 

Ein Zermörsern dieser Medikamente würde die magensaftresistente Schicht zerstören und die Wirkstoffe im Magen der Zersetzung aussetzen. Eine Ausnahme besteht bei einem Kind mit einer Ernährungssonde in Dünndarmlage (duodenal oder jejunal). In diesem Fall können Medikamente mit säurelabilen Wirkstoffen pro blemlos mit dem Mörser zerkleinert und in Wasser suspendiert sondiert werden, da hierbei der Magen komplett umgangen wird.

 

Als Alternative für Kinder mit Ernährungssonden in gastraler Lage bieten sich Präparate an, die als sogenannter multipartikulärer Pressling (MUPS), z.B. Antra MUPS, verarbeitet sind. Bei diesem Verfahren werden einzelne Mini-Tabletten jeweils mit einem eigenen magensaftresistenten Überzug versehen und anschließend zu einer wasserlöslichen Tablette (Pressling) geformt.

Wird ein solcher Pressling in leicht saurem Milieu (z.B. verdünnter Apfelsaft) aufgelöst, bleiben die Mini-Tabletten samt Überzug erhalten und können gastral sondiert werden, wobei die Sondengröße nicht weniger als 10 CH betragen sollte. Allerdings ist es wichtig zu beachten, dass der Pressling erst unmittelbar vor der Gabe aufgelöst werden darf und dass die Lösung möglichst gleichmäßig sondiert werden muss, da die Sonde ansonsten nur zu leicht durch die kleinen Mini-Tabletten verstopft.

WICHTIGE HINWEISE

Bei allen Fragen rund um die Medikamentengabe über die Sonde Ihres Kindes ist Ihr behandelnder Arzt immer Ihr Hauptansprechpartner. Er hat zu be stimmen, welche Medikamente auf wel cher Art und Weise verabreicht werden. 

  • Falls mehrere Medikamente sondiert werden müssen, ist es wichtig sie immer getrennt voneinander zu sondieren. Das heißt, dass die festen Arzneiformen getrennt zermörsert, vollständig in Flüssigkeit aufgelöst und getrennt appliziert werden sollten. Genauso dürfen flüssige Medikamente nur separat über die Sonde verabreicht werden.

  • Vorbereitete Arzneimittel müssen immer sofort sondiert werden. Die Lösung darf nicht über längere Zeit stehen gelassen werden.

  • Zwischen den Verabreichungen verschiedener Medikamente muss die Sonde gespült werden.

  • Medikamente dürfen nie mit Sondennahrung gemischt werden. 

Sirup

Ein Sirup ist grundsätzlich sehr gut für die Verabreichung über eine Sonde geeignet. Es ist ratsam, dem Sirup vor der Gabe zusätzlich ein wenig Wasser beizumischen, sodass der Sirup nicht zu dickflüssig ist. So vermeiden Sie eine Verklebung oder Verstopfung der Sonde (siehe Abb. 9-4).

Feste Arzneiformen

Bei festen Arzneiformen ist vorher immer zu klären, ob das Medikament überhaupt zerkleinert oder geöffnet und aufgelöst werden darf.

Parenterale Arzneiformen

Im Grunde kann auch diese Arzneiform, die direkt in den Blutkreislauf gegeben wird, von ihrem Arzt in Erwägung gezogen werden. Dabei ist Folgendes zu beachten:

 

  • Enthalten die parenteralen Arzneiformen den identischen Wirkstoff wie die orale Form?

  • Wird der Wirkstoff auf die gleiche Art resorbiert?

  • PH-Wert und Osmolarität der parenteralen Form müssen überprüft werden. Hohe Osmolaritäten können bei unverdünnter Gabe die Magen-Darm-Schleimhaut schädigen.

Trockensäfte

Bereiten Sie den Trockensaft nach Angaben des Herstellers zu. Ziehen Sie anschließend den Saft mit einer Spritze in der gewünschten Menge auf und sondieren Sie ihn sofort. Gegebenenfalls verdünnen Sie ihn zusätzlich mit bis zu 20 ml Wasser.

Tropfen

Geben Sie die Tropfen in ein Glas und mischen Sie sie mit Wasser. Ziehen Sie die Flüssigkeit anschließend in eine Spritze auf und sondieren Sie sie sofort.

Brausetabletten/Granulate

Lösen Sie die Brausetablette bzw. das Granulat in Wasser auf und ziehen Sie die Flüssigkeit anschließend in einer Spritze auf (siehe Abb. 9-5). Es dürfen keine Reste im Glas bleiben, ziehen Sie gegebenenfalls nochmals auf. Sondieren Sie dann wie gewohnt.

Tabletten

Zerfällt die Tablette nach kurzer Zeit in Wasser, so kann sie direkt in der Spritze aufgelöst werden. Hierdurch entfällt die mühsame Übertragung aus dem Mörser in die Spritze. Einem Substanzverlust wird somit effektiv vorgebeugt und man spart Zeit. Tabletten, die sich nicht leicht in Wasser auflösen lassen, sollten möglichst klein zermörsert werden.

 

Falls Filmreste vorhanden sind, müssen diese mit einer Pinzette entfernt werden. Das Zerkleinerte wird anschließend mit Wasser versetzt und in eine Spritze aufgezogen. Die Spritze sollte immer wieder leicht geschüttelt werden um sicherzustellen, dass das Medikament sich nicht absetzt. Der Inhalt der Spritze wird anschließend zügig unter Beobachtung der Masse in die Sonde gegeben, um sicherzustellen, dass sich die Masse nicht absetzt (siehe Abb. 9-6). 

Hartgelatinekapseln

Die Kapsel darf geöffnet werden und der Inhalt direkt in der Spritze mit Wasser zersetzt werden. Bei magensaftresistentem Inhalt dürfen die Pellets nicht zermörsert werden.

Weichgelatinekapseln

Diese Arzneiform birgt auch Schwierigkeiten, denn das Zerfallen der Kapsel kann bis zu einer Stunde dauern. Theoretisch kann die Kapsel mit einer Kanüle angestochen und der Inhalt entzogen werden, dies birgt aber eine große Verletzungsgefahr und selbst dann bleibt wahrscheinlich immer noch Substanz im Inneren der Kapsel hängen. Dadurch ist folglich eine korrekte Dosierung des Medikaments nicht gewährleistet.

Matrixtabletten

Diese Art Tabletten, die aus mehreren kleinen Pellets bestehen, dürfen nicht zermörsert werden. Die Tablette darf, bei ausreichendem Sondendurchmesser, direkt in der Spritze aufgelöst werden um dann sofort sondiert zu werden (siehe Abb. 9-7). Lassen Sie bitte niemals die aufgelöste Matrixtablette länger in der Spritze liegen: Der Inhalt kann verklumpen und das Wasser greift die magensaftresistente Schicht der Mikropellets an und zerstört sie nach kurzer Zeit.

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Abb. 1: Sehr oft müssen Medikamente über die Sonde verabreicht werden

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Abb. 2: Nur Tabletten, die keine Retardformel haben, dürfen in einem Mörser zerkleinert werden

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Abb. 3: Softgelkapseln eignen sich sehr schlecht, weil der Inhalt nicht verlässlich extrahierbar ist

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Abb. 4: Verdünnen Sie einen Sirup mit ein wenig Wasser, bevor Sie ihn sondieren

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Abb. 5: Eine Brausetablette wird im Wasser aufgelöst und anschließend in der Spritze aufgezogen

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Abb. 6: Eine zermörserte Tablette wird mit einem Teelöffel in die Spritze gefüllt

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Abb. 7: Eine Matrixtablette wird in der Spritze aufgelöst. Sie darf nicht zermörsert werden