Komplikationen

Die meisten Komplikationen, die mit enteraler Ernährung in Verbindung gebracht werden, sind relativ undramatisch, obwohl es durchaus auch Komplikationen geben kann, die ernsthafter sind und daher nicht unerwähnt bleiben sollten. Dieses Kapitel soll Ihnen keine unnötige Angst machen, sondern lediglich dazu dienen, Sie über mögliche Komplikationen aufzuklären. Sie als Eltern müssen gut informiert sein, damit Sie wissen, wie Sie Ihr Kind und die Sonde am besten pflegen können. 

Kategorisierung

 

Es gibt mehrere gängige Systeme der Kategorisierung von Komplikationen, wir haben uns jedoch für die folgende Unterteilung entschieden:

  1. Anlagebedingte Komplikationen

  2. Sondenbedingte Probleme

  3. Anwendungsbedingte Komplikationen

  4. Gastrointestinale Komplikationen

1. ANLAGEBEDINGT
1.1 Transnasale Sonden in gastraler und intestinaler Lage
  • Da die Sonde aus Kunststoff hergestellt ist, kann sie beim Einführen der Sonde Verletzungen der Schleimhäute im Nasen-Rachen-Raum verursachen.

  • Da viele Sonden aus sehr weichem Material hergestellt werden, können sie sich beim Einführen unbemerkt im Rachenraum aufrollen.

  • Die Sonde kann aus Versehen in die Trachea (Luftröhre) statt in die Speiseröhre eingeführt werden. Die meisten Kinder reagieren hierauf mit heftigem Husten, aber es gibt auch durchaus Kinder, die aus neurologischen Gründen dabei keine Reaktion zeigen.

  • Durch Reizung des Vagusnervs kann es zu einer Bradykardie (Herzfrequenzabfall) oder in extrem seltenen Fällen zu einem Herzstillstand kommen. Der Vagusnerv ist der größte Nerv des Parasympathikus, unter anderem beeinflusst er den Herzschlag im Sinne einer Hemmung. Das bedeutet, dass die Herzfrequenz bei einer Reizung des Vagusnervs verringert wird.

  • Es kann zu Perforationen (Durchstechungen) der Nasenschleimhaut, des Rachens, der Bronchien oder der Speiseröhre kommen. Das geschieht aber extrem selten.

  • Bei längerer Liegedauer kann es zu Druckstellen am Naseneingang oder der Nasenschleimhaut kommen.

  • Da der Mageneingang sich durch das Vorhandensein der Sonde evtl. nicht komplett schließen kann, besteht eine erhöhte Refluxbereitschaft und damit ein leicht erhöhtes Aspirationsrisiko, vor allem wenn das Kind nicht über ausreichende Schutzreflexe (Schluckreflex, Würgereflex, Hustenreflex) verfügt. In die Lunge eingeatmete Sondennahrung kann zu einer Lungenentzündung führen.

1.2 PEG- und JET-PEG-Sonden 

Endoskopisch gelegte Gastrostomiesonden haben sich in den letzten Jahrzehnten sehr bewährt und weisen deutlich weniger Komplikationen auf als offene Anlagen. Daher sind sie derzeit die Methode der Wahl. Trotzdem, können dabei natürlich diverse Komplikationen auftreten, beispielsweise:

  • Bauchfellentzündung (Peritonitis)

  • Darmperforation

  • Blutung

  • Komplikationen bei der Narkose/Betäubung 

1.3 Offene & Laporaskopische Anlage eines Gastrostomas
  • Wundinfektionen

  • Wundheilungsstörungen

  • Blutung

  • Komplikationen bei der Narkose/Betäubung

1.4 Feinnadel-Katheter-Jejunostomie (FKJ) 
  • Wundinfektion

  • Wundheilungsstörungen

  • Blutung

  • Verwachsungen / Bridenileus

  • Komplikationen bei der Narkose/Betäubung 

2. SONDENBEDINGT

2.1 Bei Nasogastralen sowie enteralen Ernährungssonden 
  • Versehentliches Herausziehen der Sonde

  • Abbrechen oder Herausfallen der Sonde

  • Dislokation der Sondenspitze • Verstopfung der Sonde

  • Einwachsen der Halteplatte im Magen (Buried-Bumper-Syndrom)

  • Bauchfellentzündung (Peritonitis)

  • Granulationsgewebe am Stoma 

3. ANWENDUNGSBEDINGT
  • Infektionen durch Kontamination der Sondennahrung

  • Unwohlsein durch zu schnelle Verabreichung der Sondennahrung

  • Fehldosierung der Sondennahrung durch zu große oder zu kleine Nahrungsportionen 

4. GASTROINTESTINAL
  • Übelkeit

  • Würgreiz

  • Völlegefühl

  • Erbrechen

  • Obstipation (Verstopfung)

  • Diarrhoen

  • Unerwünschter Übertritt von Nahrung in die Lunge durch eine Reflux–Aspiration

  • Soor- und Parodontitisgefahr. Begleitende Mundpflege ist auf jeden Fall erforderlich, wenn keine orale Flüssigkeitsaufnahme mehr erfolgt 

WAS TUN BEI KOMPLIKATIONEN?
 
PEG-Sonde bricht ab und fällt heraus

Das Stoma, also die künstliche Öffnung in der Bauchdecke, in der die Sonde sitzt, kann sich innerhalb von wenigen Stunden wieder schließen, wenn die Sonde nicht mehr an ihrem Platz sein sollte. Daher ist es sehr wichtig, in dieser Situation schnellstmöglich eine Klinik aufzusuchen. Dort kann dann entweder eine neue PEG-Sonde gelegt werden oder, wenn die Anlage des Stomas schon länger als 3 Monate her ist, eine Austauschsonde wie z.B. ein Button oder eine Gastro Tube eingesetzt werden.

 

Wir empfehlen allen Eltern, für den Notfall immer einen Absaugkatheter oder einen Blasenkatheter dabei zu haben. Diese können Sie evtl. in der Klinik bekommen. Im Notfall kann der Absaugkatheter oder auch die herausgefallene Sonde selbst in das Stoma eingeführt und fixiert werden, um zu verhindern, dass das Stoma sich wieder schließt.

 

Es ist aber unbedingt nötig, dass Sie vor der Entlassung aus dem Krankenhaus eine Einweisung bekommen, wie dies zu handhaben ist. Eltern mit Kindern, die einen Button oder eine andere Austauschsonde haben, wird der Vorgang allerdings nicht unbekannt sein. 

Defekte am Ballon des Buttons oder der Gastro Tube

Falls Ihr Kind einen Button o.ä. hat, ist es ratsam, immer zwei unverbrauchte Sets dabei zu haben. Es kommt immer wieder vor, dass die Rückhalteballons ohne Vorwarnung kaputt gehen. In so einem Fall können Sie problemlos einen neuen Button oder eine Gastro Tube einsetzen. Selbstverständlich müssen sie immer Wasser und eine Spritze mitführen um den Ballon zu blocken.

Verstopfte Sonde

Eine Sonde kann nur frei bleiben, wenn sie immer nach der Gabe von Sondennahrung und Medikamenten mit mindestens 20ml Wasser durchgespült wird. Bitte nehmen Sie nur Wasser: Säfte oder Tees sind ungeeignet. Wann immer Sie sehen, dass weißliche Reste von Nahrung oder aufgelösten Medikamenten im Schlauch der Sonde stehen, spülen Sie diese sofort mit Wasser durch

 

Achten Sie zusätzlich darauf, dass die Sonde niemals abknickt, vor allem wenn Sie die Sonde unter der Kleidung verstecken: Sie sollte auf keinen Fall geknickt oder gefaltet, sondern immer ordentlich eingerollt werden. Eine verstopfte Sonde darf niemals mit einem Draht o.ä. durchgängig gemacht werden. Wenn es Ihnen überhaupt nicht gelingt, eine Durchgängigkeit zu erlangen, sollten Sie sich unverzüglich mit Ihrem behandelnden Arzt in Verbindung setzen. Die Sonde muss dann gegebenenfalls ersetzt werden. 

Was können Sie tun, wenn die Sonde verstopft ist?

 

Es gibt mehrere gängige Systeme der Kategorisierung von Komplikationen, wir haben uns jedoch für die folgende Unterteilung entschieden:

  1. Bei sichtbaren Ablagerungen im Schlauch der Sonde drehen Sie die Sonde zwischen den Fingern und drücken Sie sie dabei leicht zusammen. So können Sie im Schlauch vorhandene Ablagerungen lösen und anschließend mit Wasser aus der Sonde entfernen.
     

  2. Sie können auch versuchen die Sonde »freizuspritzen«. Nehmen Sie hierfür zunächst lauwarmes Wasser und eine 20ml Spritze (kleinere Spritzen würden einen zu hohen Druck auf die Sonde ausüben, was dazu führen könnte, dass die Sonde reißt). Versuchen Sie, ein wenig Flüssigkeit in die Sonde zu geben und anschließend die Flüssigkeit aus der Sonde wieder abzuziehen. Gelingt es Ihnen, entsorgen Sie den abgezogenen Inhalt und spülen Sie die Spritze. Wiederholen Sie den Vorgang nach Bedarf.
     

  3. Sollten Sie mit warmem Wasser keinen Erfolg haben, versuchen Sie es mit kohlensäurehaltigem Sprudelwasser, Cola oder Pepsinwein. Das in Pepsinwein enthaltene Enzym Papain, das in Papayafrüchten vorkommt, löst Eiweiße. Gelingt es Ihnen so, einen kleinen Durchgang freizuspülen, geben Sie Pepsinwein in die Sonde und lassen Sie diese mindestens drei Minuten einwirken, damit ein Lösungseffekt eintreten kann. Diesen Vorgang wiederholen Sie so oft wie nötig. Nach jedem Vorgang ziehen Sie die Flüssigkeit aus der Sonde und spritzen eine frische Lösung Pepsinwein ein. Spülen Sie anschließend mit ein wenig Wasser nach, bis die Sonde so gut durchgängig ist, wie Sie es gewohnt sind. 

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Abb. 1: Notfälle können eintreten. Was ist zu tun bei auftretenden Komplikationen?

Granulationsgewebe am Stoma 

Das Auftreten von Granulationsgewebe um ein Stoma herum ist an sich nichts Ungewöhnliches. Es ist eine natürliche Reaktion im Rahmen des Wundheilungsprozesses im Körper Ihres Kindes auf das Vorhandensein eines Fremdkörpers, in diesem Fall der Sonde. Der Körper versucht im Grunde stetig, die »Störung«, also das Stoma, in dem die Sonde sitzt, zu reparieren.

 

Abhängig von dem Zeitpunkt, zu dem das Granulationsgewebe auftritt, ist das Gewebe entweder rötlich, hell-rötlich oder mehrfarbig und befindet sich auf der Hau toberfläche um das Stoma herum.

 

Wenn sich Granulationsgewebe bildet, ist es wichtig, dies in den Griff zu bekommen, da es sonst zu einer anhaltenden, chronischen Wundinfektion kommen kann. Daher sollten Sie Ihren Arzt unverzüglich informieren, wenn Sie bei der täglichen Pflege bemerken sollten, dass sich Granulationsgewebe gebildet hat. 

Maßnahmen gegen Granulationsgewebe 

 

  1. Sonde richtig fixieren:

    Reibungen im Bereich der Sondenaustrittsstelle können die Haut Ihres Kindes dazu anregen, Granulationsgewebe zu bilden. Achten Sie daher darauf, dass die Halteplatte immer korrekt angezogen und der Sondenschlauch immer gut fixiert und mit einem Pflaster bedeckt ist. Wenn Ihr Kind einen Button hat, sollte auch dieser vorübergehend mit einem Pflaster abgedeckt werden. Nehmen Sie hierzu ein Verbandset, welches Sie aus der Zeit als Ihr Kind noch eine PEG-Sonde hatte, kennen.

  2. Salben oder Cremes:

    Es ist nicht ratsam, auf eigene Faust Salben oder Cremes auf das Granulationsgewebe aufzutragen. Bitte lassen Sie sich nur von Ihrem Arzt beraten.

  3. Schützen Sie die Haut:

    Die Haut um das Stoma herum sollte so trocken wie möglich gehalten werden. Wechseln Sie, falls es nötig sein sollte, den Verband mehrmals am Tag, bis das Problem gelöst ist.

  4. Silbernitrat:

    Silbernitratstifte sind gut geeignet, um übermäßiges Granulationsgewebe zu reduzieren. Der Wirkstoff wird auf die betroffene Hautstelle aufgetragen, wobei das Granulationsgewebe verätzt wird. Leider hat Silbernitrat keine präventive Wirkung, daher wird diese Behandlung eine erneute Bildung von Granulationsgewebe nicht verhindern (in den meisten Fällen kommt das Silbernitrat mehrmals zur Anwendung). 

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Abb. 2: Manchmal bildet sich Granulationsgewebe (auch »wildes Fleisch« genannt) um das Stoma herum und muss behandelt werden, um Wundinfektionen vorzubeugen.

Atemnot

Bei schwerer Atemnot, deutlich hörbarem Atemgeräusch, bläulicher Hautverfärbung (Zyanose) und starkem Husten im Zusammenhang mit der Nahrungsgabe die Sondierung einstellen, Nahrung abziehen und Notruf (Rettungswagen) tätigen! 

Veränderungen am Stoma

Es kann immer mal wieder vorkommen, dass lokale, mechanisch bedingte Reaktionen auf die PEG-Sonde auftauchen. Diese zeigen sich fast immer als kreisförmige Rötungen um das Stoma herum, bedeuten aber nicht automatisch, dass eine Infektion vorliegt. Die Haut Ihres Kindes kann auch gereizt werden, wenn Mageninhalt an der Sonde vorbei durch das Stoma heraustritt.

 

Dehnt sich eine Rötung aber auf mehr als 5mm kreisförmig rund um das Stoma aus und wird sie begleitet von eitrigem Sekret, ist davon auszugehen, dass eine lokale Wundinfektion vorliegt. Es sollte dann auf jeden Fall von Ihrem Arzt oder den Pflege kräften Ihrer Klinik ein Abstrich zur Erregerbestimmung gemacht werden, um eine Ausbreitung der Infektion zu verhindern. Eine solche Infektion ist eine der häufigeren Komplikationen, die nach der PEG-Anlage auftreten können, wobei der überwiegende Anteil sich als Infektion mit relativ leichter Verlaufsform zeigt und durch zeitnahe und geeignete Behandlung zumeist auch recht bald wieder verschwindet.

 

In den meisten Fällen werden Sie in der Folge lokale Antiseptika auf die Haut Ihres Kindes auftragen sowie zweimal täglich einen sterilen Verbandswechsel vornehmen müssen. Wenn alles gut verläuft, sind die Chancen recht gut, dass die Haut um das Stoma sich wieder vollständig erholt. 

Wann Sie lieber Hilfe holen

Nicht jede Situation lässt sich alleine oder zuhause meistern. In den folgenden Fällen, holen Sie bei gravierendem, anhaltendem oder wiederholtem Auftreten lieber sofort ärztliche Unterstützung ein: 

  • Rötungen

  • Schwellungen

  • Ausschlag

  • Irritationen

  • Schlechter Geruch am Stoma

  • Fieber

  • Anhaltende Magenverstimmungen

  • Erbrechen

  • Blähungen

  • Durchfall länger als 24 Stunden

  • Verstopfung

  • Blutung am Stoma

  • Generelles Unwohlsein des Kindes

  • Andauernder Husten

  • Immer größer werdender Bauchumfang

  • Unverdautes Essen im Magen bei zwei aufeinander folgenden Nahrungsgaben

  • Blut im Mageninhalt

  • Die Sonde ist aus Versehen herausgezogen worden und Sie wissen nicht, wie Sie sie wieder einsetzen

  • Die Sonde ist abgebrochen

  • Bei einem Button: Schwierigkeiten beim Wechsel/Wiedereinsetzen des Buttons

  • Der Schlauch der Sonde sitzt nicht an der richtigen Markierung und es ist Ihnen nicht möglich, die Position zu ändern

  • Das Stoma leckt

  • Die Sonde bleibt verstopft

  • Vermehrtes Granulationsgewebe am Stoma